30.05.2022

Neuweltkameliden und Parasiten im Weideglück

Die "richtige" Weidesaison für Neuweltkamele hat begonnen. Ziemlich rasch werden aber auf den Weiden auch die Parasiten beste Bedingungen für ihr Überleben vorfinden und das Weideglück der Lamas und Alpakas vielleicht trüben. Um das zu verhindern, möchten wir unseren Mitgliedern für die kommenden Monate noch ein paar Infos mit auf den Weg geben.

 

Resistente Parasitenpopulationen

Im Verlauf des letzten Sommers haben wir vermehrt Meldungen zu resistenten Parasitenpopulationen bekommen. Dabei handelt es sich um Parasiten, die durch gewisse Entwurmungsmittel nicht abgetötet werden, sondern weiter im Darm überleben und die Gesundheit der Tiere beeinträchtigen. Fazit: Ich lasse meine Tiere ordnungsgemäss entwurmen, bezahle den Tierarzt und das Medikament, und am Ende leiden meine Tiere immer noch an Würmern. Das Gefährliche daran ist, dass ich im Irrglauben bin, dass alles richtig gelaufen ist und ich und meine Tiere für ein paar Wochen vor den Parasiten Ruhe haben und ich mich nicht weiter mit dieser Problematik beschäftigen muss.

 

Wirksamkeitsprüfungen sind wichtig und nötig

Insbesondere das Medikament Dectomax ist uns im Zusammenhang mit Resistenzen aufgefallen. Es ist deshalb wichtig, nach der ordnungsgemässen Anwendung von Entwurmungsmitteln eine Überprüfung der Wirksamkeit des Medikamentes vorzunehmen. Diese sogenannte Wirksamkeitsprüfung (WKP) ist der Grund für die Empfehlung in unseren Berichten, 10 bis 14 Tage nach erfolgter Entwurmung erneut Kot von den gleichen, nun behandelten Tieren, einzusenden. Dabei ist es wichtig, unsere Vorgaben in Bezug auf die nächste Kotsammlung einzuhalten. Kot muss übrigens nicht über drei Tage gesammelt werden, eine einmalige Sammelaktion an einem Tag reicht! Wir vergleichen dann die „Wurmwerte“ (EpG-Werte= Eier pro Gramm Kot) vor und nach der Entwurmung und können so feststellen, ob das Medikament ausreichend gewirkt hat. Das Ergebnis der Wirksamkeitsprüfung wird in unserem Datensystem erfasst und kann, da der BGK über das Parasitenüberwachungsprogramm jährlich sehr viele Proben untersuchen lässt, einer statistischen Aufarbeitung dienen. Ausserdem hat jeder Betrieb in unserem System ein Betriebsdatenblatt, auf welchem eine solche Resistenz vermerkt wird, damit bei weiteren Entwurmungen auf diese Tatsache Bezug genommen werden kann.

 

 

Wie gelingt es den Würmern, solch phänomenale Mechanismen gegen Entwurmungsmittel zu entwickeln?

 

1. Es wird immer das gleiche Medikament zur Entwurmung eingesetzt.

Es ist wichtig, ab und an die Wirkstoffklasse zu wechseln, auch wenn zwischendurch Medikamente ins Maul (= oral) gegeben werden müssen und dies natürlich deutlich aufwändiger ist.

 

2. Es werden gesamthaft (zu) viele Entwurmungen im Jahr vorgenommen.

Jede Entwurmung muss ihren Grund haben und dieser sollte durch eine Kotuntersuchung bestätigt sein. Sehr kritisch sollte man Routine-Bestandesentwurmungen sehen, welche 1-2x im Jahr durchgeführt werden, ohne vorher den Kot der Tiere untersucht zu haben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu berücksichtigen, dass immer ein Refugium für sensible Würmer vorhanden sein sollte, wenn Bestandesbehandlungen unausweichlich sind (vgl. dazu BGK Merkblattt Nr. 13, im Mitgliederbereich der Website einsehbar).

 

3. Medikamente werden unterdosiert eingesetzt.

Unterdosierungen fördern Resistenzen. Besonders bei oral zu verabreichenden Medikamenten läuft man Gefahr, den Tieren zu wenig zu verabreichen, einfach, weil die „Interaktion“ zwischen Besitzer und Tier in diesem Moment schwierig ist. Da hilft manchmal auch kein Ratschlag mehr weiter… Aber: Eine zusätzliche Hilfsperson schadet bestimmt nicht und - falls der Preis nicht erste Priorität hat - Apfel-Zimt-Paste aus dem Pferdebereich ist sehr gut zu verabreichen, falls eine Fenbendazol-Kur ansteht. 

 

4. Gebrauch von langwirksamen sogenannten «Long acting»-Präparaten» (z.B. Cydectin LA).

LA Präparate sind solche, die in bestimmte Körperregionen der Tiere verabreicht werden, aus denen sie nur sehr langsam resorbiert werden. Das bedeutet, dass das Medikament über lange Zeit im Körper wirksam ist. Klingt verlockend, weil meine Tiere so doch für lange Zeit vor Parasiten geschützt sind. Jedoch sind sie für sehr lange Zeit einem ständig hohen Wirkspiegel ausgesetzt (etwa 3 Monate) und dies ist mit einer Entwurmung x-fach hintereinander gleichzusetzen! Ausserdem sinkt der Medikamentenspiegel mit der Zeit, da das Medikament mit der Zeit «aufgebraucht» ist, so dass am Ende der Wirkperiode eine recht lang andauernde Unterdosierung einsetzt, die es den Würmern noch zusätzlich einfacher macht, Resistenzen gegen das Medikament aufzubauen.

 

5. Milbenbehandlungen

Wie erwähnt, ist uns das Medikament Dectomax im Zusammenhang mit Resistenzen bei Neuweltkamelen im vergangenen Jahr vermehrt aufgefallen. Dectomax nützt(e) praktischerweise gegen Ektoparasiten wie Milben und Endoparasiten wie Magen-Darm-Rundwürmern gleichermassen. Routine-Milbenbehandlungen 1-2 Mal im Jahr mit Dectomax fördern jedoch resistente Wurmpopulationen (vgl. Punkt 2). In Schweizer Schaf- und Ziegenbeständen (vgl. Räudebehandlungen vor und nach der Alpung) ist die Wirksamkeit von Dectomax gegenüber Magen-Darm-Rundwürmern mittlerweile praktisch nicht mehr vorhanden! 

Das Bild zeigt das von Milben befallene Hinterbein eines Alpakas.

 

Überdenken Sie Routinebehandlungen!

Wir laufen Gefahr, in unseren Neuweltkamelbetrieben in die gleiche Situation zu geraten. Überdenken Sie deshalb bitte jede Routinebehandlung dieser Art! Früher oder später bleiben uns sonst nur noch die Medikamente zur oralen Verabreichung…

Und: Eine Wirksamkeitsprüfung von Zeit zu Zeit hilft allen beteiligten Personen und Tieren (!) weiter.

Es gibt noch vieles, was ich beim Parasitenmanagement ansprechen könnte. Das Thema Weidemanagement habe ich hier ausgelassen. Natürlich ist dieses aber essentiell, um den Medikamenteneinsatz reduzieren zu können! Per Telefon helfen wir Ihnen gerne weiter!

 

 

Lust auf mehr?

Hier finden Sie ein kleines Quiz, das im Forum 04/2022 erschienen ist und mit dem Sie Ihren Wissensstand zum Thema Parasitenmanagement grad sofort testen können.

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Hoffen wir nun auf einen phantastischen Sommer für Tiere, Menschen und Pflanzen!

Teresa von Geymüller

 

Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer BGK
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